Das Schiff

1. Juli 1910:  Mit Bezug auf [...] wird anliegend der Schiffsmeßbrieff nebst Abschrift für das Segelschiff "ANNA", welches dem Schiffer Jonni Grewe zu Beidenfleth bei Wilster gehört und in das Seeschiffsregister eingetragen werden soll, zur gefälligen weiteren Veranlassung ergebenst übersandt.

... so lautet der offizielle Schrieb an das Königliche Amtsgericht zu Itzehoe, mit dem der Besanewer ANNA, gebaut für den Schiffer Jonni Grewe, erstmals registriert und in Dienst gestellt wird. Der Kaufpreis von der Werft J. Junge in Wewelsfleth beträgt inklusive Inventar 8600 DM. 

Besanewer gehörten damals zum alltäglichen Bild auf der Niederelbe und den angrenzenden Flüssen. Befördert wurde auf ihnen das, was die Menschen zum alltäglichen Leben in der Stadt brauchten: Milch, Obst und Gemüse von den Bauern aus dem alten Land, Getreide, Fleisch und Fisch, aber auch Zement und Kohle oder Torf aus den Abbaugebieten in den Elbmarschen.
Auf Grund ihrer Bauweise als Plattbodenschiffe waren Ewer den Bedingungen in Tidengebieten bzw. Flachwasserbereichen optimal angepasst: der geringe Tiefgang von nur ca. 1 m erlaubte ihren Einsatz auch dort noch, wo größere Kielschiffe schon lange keinen Zugang mehr hatten. Unter Segeln konnten die sogenannten Seitenschwerter gegen die Abdrift ins Wasser gelassen werden.

Gebaut 1910 noch ohne Maschine hatte dieses Schiff eine Länge von 16.15m, eine Breite von 4,05m und einen Tiefgang von 1,39m. Bereits im Frühjahr 1925 wird das Schiff um runde 5m verlängert, um die Ladekapazität zu erhöhen und der wachsenden Konkurrenz die Stirn bieten zu können. Außerdem nimmt Schiffer Jonni Grewe einen Kredit auf, um sein Schiff mit einem ersten Hilfsmotor ausrüsten zu können. In den folgenden Jahren erweist sich die Segelei als zunehmend unrentabel. Waren können unter Motorkraft oftmals schneller, zuverlässiger und wetterunabhängiger transportiert werden. Im Jahre 1955 übernimmt Sohn Walter Grewe das Schiff seines Vaters. Erst 1970 aber wird die Gattung im Schiffsregister geändert: ANNA ist fortan kein Segelschiff mit Hilfsmotor mehr, sondern gilt nun offiziell als Motorgüterschiff; die Masten sind entfernt und ein Ruderhaus ist errichtet, ANNA fährt als Binnenschiff. Zu diesem Zeitpunkt gibt es allerdings schon quasi keine Frachtewer mehr, die meisten von ihnen landen nach und nach auf den Abwrackwerften.

Im Alter erkrankt Walter Grewe und das Schiff wird 1976 als Oldtimer verkauft. Die neue Eignergemeinschaft beginnt mit einer Restaurierung, stellt die Masten erneut auf, entfernt das Ruderhaus und lässt das Schiff wieder verkürzen, allerdings nicht ganz auf das Originalmaß. Es folgt der Innenausbau.

1991 steht die ANNA nach längerer Aufliegezeit erneut zum Verkauf. Die Maschine ist aufgefroren und Rost hat an Luken und Schanz Einzug gehalten.


1990 wurde dass Schiff von der jetzigen Eignerfamilie übernommen und wieder in Fahrt (und Farbe) gebracht. Seit dieser Zeit hat das Schiff seinen Liegeplatz in Hamburg - Oevelgönne und ist dank liebevoller Pflege wieder ein schönes Relikt der Elbgeschichte geworden.

Ewer ANNA gehört heute zu den wenigen Elbewern, die Ihre Zeit überdauert haben und nun liebevoll restauriert und in Fahrt gehalten werden.